der noch sehr nackte jugenplatz auf dem alten sportplatz in oberweier
„Bauturbo“ im Sitzungssaal, Standgas in der Realität: Friesenheims Jugend zwischen Theorie und Praxis
von Walter Holtfoth, Text & Bilder
Hier das ungekürzte Manuskript meines Artikels zur Jugendclub Sitzung- Der Artikel steht ab Donnerstag in der Printausgabe der Badischen Zeitung
Zwischen „Bauturbo“, Katzenschutz und Club-Identität
Die Atmosphäre
Die Sitzung des Jugendclubs Friesenheim am Dienstag bot in diesem Jahr ein breites Spektrum an Themen – von bundesweiten Bauverordnungen bis hin zur lokalen Vereinsarbeit. Unter der Leitung des Jugendbüros durch Jugendreferenten Matthias Morton versammelten sich rund zehn Jugendliche im Sitzungssaal, um Berichte aus der Gemeindeverwaltung entgegenzunehmen. Für Bürgermeister Erik Weide war seine Stellvertreterin Charlotte Schubnell am Start.
Neue Mitglieder wollte man aufnehmen, da aber niemand erschien viel dieser Tagesordnungspunkt ins Wasser.
Ähnlich erging es dem zweiten Tagesordnungspunkt, der die Änderung der Geschäftsordnung vorsah. Da diese nur mit einer zwei Drittel Mehrheit des gesamten Jugendclubs möglich ist, waren mit acht stimmberechtigten Jugendlichen zu wenige im Saal um eine Abstimmung vorzunehmen.
So kamen recht schnell die Themen aus der Gemeinderatsarbeit zur Sprache.
Rückblick statt Ausblick
Den Auftakt bildete ein Rückblick auf den barrierefreien Ausbau der Bushaltestellen im Gemeindegebiet. Was als Information über eine abgeschlossene, gesetzlich vorgeschriebene Maßnahme begann, entwickelte sich zu einer detaillierten Erläuterung der Hintergründe, die in ihrer Form phasenweise an eine Sozialkundestunde erinnerte.
Der „Bauturbo“ und die Katzen
Die Sitzungsleitung nutzte den Abend zudem für tiefergehende kommunalpolitische Exkurse. So wurde der sogenannte „Bauturbo“ (§ 246b BauGB) zur Beschleunigung von Planungsverfahren theoretisch skizziert. Die Resonanz der Jugendlichen blieb hierbei verhalten; viele nutzten die Zeit für einen Blick auf ihr Smartphone.
Besonders kurios mutete die Vorstellung eines noch gar nicht offiziell eingebrachten Antrags der GLU-Fraktion zur Katzenschutzverordnung an. Gemeinderat und Fraktionsvorsitzender Dr.Michael Walter erläuterte hierzu die Notwendigkeit von Kastrationen bei Streunern, um unter anderem die heimischen Wildkatzenbestände zu schützen. Eine vorbereitete Präsentation des Jugendreferenten Matthias Morton verdeutlichte zudem die rechnerische Vermehrungsrate von Katzenpaaren – ein Thema, das in der Runde der Jugendlichen eher für Erstaunen als für Diskussionsbedarf sorgte. Ein Angebot, den Besuch des Lahrer Tierheims zu organisieren stieß auf keine Resonanz Seitens der Jugendlichen.
Der Hallo Wach Effekt
Leben in die Sitzung kam durch die vorläufige Planung des Hüttenwochenendes hier gilt es allerdings Zeit, Ort und Themen noch zu finden. Mittels QR Code am Präsentationsschirm konnten die Jugendlichen vor Ort im Formular mit ihren Smartphones zu den Terminvorschlägen abstimmen.
Der Jugendplatz Oberweier: Verantwortung vor der Übergabe
Nur am Rande wurde über den aktuellen Stand des seit Jahren geplanten Jugendplatzes in Oberweier informiert. Während Morton mitteilte, dass die Anlage „bald fertig“ sei, ein konkreter Übergabetermin jedoch noch nicht feststehe, verlagerte sich der Schwerpunkt der Diskussion schnell auf die künftigen Nutzerpflichten. Die Sprecher des Jugendclubs präsentierten hierzu bereits ausgearbeitete Leitlinien zur Pflege der Anlage sowie Verhaltensregeln, die Themen wie Gewaltprävention und Müllvermeidung umfassten. Damit wurde die Verantwortung für die Ordnung auf dem Platz bereits thematisiert, noch bevor dieser zur Nutzung freigegeben ist. Ganz wichtig auch, die in den Raum geworfene Frage nach der Namensgebung des Platzes und diesen, nach Entscheidung mittels einer Tafel vor Ort anzubringen.
Identität durch Club-Farben
Einen sichtlich motivierenderen Höhepunkt bildete das Ende der Sitzung: Die Vorstellung der neu gestalteten T-Shirts und Hoodies mit dem Logo des Jugendclubs. Dass sich der Club aus seiner Kasse solidarisch an den Anschaffungskosten beteiligt, um jedem Mitglied den Erwerb zu ermöglichen, sorgte für spürbare Begeisterung und ein echtes Wir-Gefühl. Ein gemeinsames Foto der stolzen Shirt-Träger markierte den Abschluss eines Abends, der zwischen trockener Theorie und praktischem Club-Zusammenhalt changierte.
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Kommentar: Katzengold und Bauturbo
Von Walter Holtfoth
Man muss den Mut der Friesenheimer Verwaltung bewundern. Wer es schafft, eine Sitzung des Jugendclubs mit einem Referat über die Barrierefreiheit längst umgebauter Bushaltestellen zu eröffnen, hat den Begriff „Jugendbeteiligung“ entweder missverstanden oder mutwillig in eine soziale Einschlafhilfe verwandelt.
Was den Jugendlichen geboten wurde, glich eher einer unfreiwilligen Nachstunde in kommunaler Bürokratie als einem Dialog auf Augenhöhe. Da wurde der „Bauturbo“ gezündet, um theoretische Planungsverfahren zu erklären, während der seit Jahren versprochene Jugendplatz in Oberweier in der Realität weiterhin im Standgas verharrt.
Den bizarren Höhepunkt lieferte jedoch die GLU: Ein noch gar nicht eingebrachter Antrag zur Katzenschutzverordnung wurde den staunenden Teenagern als politisches Schwergewicht verkauft. Dass der Jugendreferent dazu passgenau die passende „Biologiestunde“ in der PowerPoint-Tasche hatte, wirkte so spontan wie ein preußischer Aufmarsch.
Wenn die einzige Antwort auf die Zukunftsfragen der Jugend die Kastration heimischer Katzen zum Schutz von (quasi nicht existenten) Wildkatzen ist, muss man sich nicht wundern, wenn die Generation „E-Scooter“ der Sitzung fernbleibt. Zurück bleiben zehn „brave“ Alibi-Jugendliche, die über die Pflege von Luftschlössern debattieren dürfen, während die echte Welt draußen an der Verwaltung vorbeifährt. In Friesenheim wird Beteiligung simuliert – und die Jugend gähnt zu Recht.
Zur Info:
Der Jugendclub ist die offizielle Vertretung der Jugend in der Kommunalpolitik von Friesenheim. Junge Menschen bis 25 Jahren haben gegenüber dem Jugendclub Rederecht. Mitglied im Jugendclub kann jeder junge Mensch bis 25 Jahre werden, entweder durch Bewerbung bei der Jugendclubsitzung oder durch ein Jugendclubseminar.
