Zwischen Aquarius und dem Kreissaal

Foto: Hair The Movie  "This is the dawning of the age of Aquarius, The age of Aquarius, Aquarius…” "

Von Aquarius direkt in den Kreissaal

Zwischen „Aquarius“ und dem Kreißsaal

 

Manchmal schreibt das Leben Drehbücher, die kein Regisseur der Welt durchgehen lassen würde. Zu kitschig, zu unwahrscheinlich, zu laut. Der 14. April 1990 war so ein Tag.

 

Das Jahr 1990 war für mich ohnehin ein Ritt auf der Rasierklinge. Cleopha war auf dem Zenit, die Hallen in der Ortenau bebten, und mein Leben bestand eigentlich nur aus Vinyl-Kisten, Mischpulten und dem ständigen Drang, den Leuten eine Nacht zu schenken, die sie nie vergessen. 

 

Doch die Geschichte dieses Tages begann eigentlich schon Monate zuvor – in einem umgebauten Rettungswagen. Nici, ich und unser Hund Igor waren die Küsten von Frankreich, Spanien und Portugal entlanggefahren. Wir suchten die Freiheit der Hippie-Tage, von der Nici in dem Buch „Die Kinder von Torremolinos“ gelesen hatte. Wir fanden zwar oft nur Betonwüsten und in Torremolinos eine Armee von Zecken, die uns fast bei lebendigem Leibe auffraß, aber wir brachten mehr zurück als nur Reiseerinnerungen:  Tim war bereits als „blinder Passagier“ mit an Bord. 

 

Der blinde Passagier 

 

Wieder zurück in der Heimat, bereiteten wir uns akribisch vor. Atemübungen, Geburtsgymnastik – das volle Programm. Ich dachte wirklich, ich hätte alles im Griff. Bis zu jenem 14. April in der Friesenheimer Sternenberghalle. 

 

Friede - Freude - Rock´n Roll 

 

Die Hütte war voll bis unter das Dach. Die Energie war so dicht, dass man sie fast greifen konnte. Mein Licht-Magier Ecki zauberte an den Reglern, und der Opener „Aquarius“ aus dem Musical Hair legte gerade diesen unvergleichlichen, harmonischen Teppich aus. Friede, Freude, Rock ’n’ Roll. 

 

Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war die knorrige Hand des Hallenmeisters. Er wollte diesmal kein Trinkgeld. Er sah mich an und sagte: „Da hat gerade einer angerufen. Sag mal durch: Da muss sofort einer in den Kreißsaal. Es geht los.“

Ich nahm das Mikrofon, noch völlig im Tunnel. „Achtung, eine Durchsage...“, begann ich routiniert. Und dann schlug der Blitz ein: Verdammt, das bin ja ich! 

 

In diesem Moment passierte das größte Wunder meiner Karriere. Ich erklärte der Menge die Situation: „Leute, ich muss los, mein Sohn kommt! Hier sind die CDs – rockt den Abend ohne mich!“

 

Was dann geschah, rührt mich heute noch. Die Leute haben mich nicht ausgebuht. Sie haben gejubelt. Sie haben das Mischpult übernommen, sie haben den Laden am Laufen gehalten. In dieser Nacht war Cleopha kein Ein-Mann-Betrieb mehr, sondern eine verschworene Gemeinschaft.

 

Im Krankenhaus Herbolzheim angekommen, war ich noch so voller Adrenalin, dass ich wahrscheinlich wie ein Fremdkörper im Kreißsaal wirkte. Während ich versuchte, meine mühsam gelernten Atemübungen an den Mann (oder die Frau) zu bringen, gab es von der werdenden Mutter die klare Ansage: „Wenn du jetzt nicht aufhörst, schmier ich dir eine!“

 

Wenig später war er da: Tim Marius. Ein gesundes Bündel Leben, das heute, 36 Jahre später, ein wunderbarer Mensch ist.

Wenn ich heute auf diesen Tag zurückblicke, weiß ich: Das war der Moment, in dem ich lernte, dass man zwar alles planen kann, aber der Rhythmus des Lebens immer seinen eigenen Takt schlägt. Die Ehe mit Nici ist Geschichte, der Stress von damals verraucht und unsere Beziehung wieder liebevoll – aber der Stolz auf diesen Moment, in dem Friesenheim für mich das Pult übernahm, der bleibt.

 

Wer von Euch war in diesen Stunden Livehaftig mit vor Ort ? 


demnächst


In 14 Tagen in „Walters Archiv“: Vom Mut der Verzweiflung und einer Reise im roten Käfer zu einer Heiligen namens Joan Baez.

Eine Geschichte hinter dieser Szene:  Cheryl Barnes sprach bei einem offenen Casting für „Hair“ vor. Sie hatte keinen Agenten und arbeitete als Zimmermädchen in einem Motel auf Martha’s Vineyard. Barnes’ Song „Easy to Be Hard“ in „Hair“ wurde in einer einzigen Einstellung gedreht, und diese Einstellung ist im Film in voller Länge zu sehen. Man erzählt sich, dass in den Anfangsjahren die Kinobesucher nach dieser Szene zu Standing Ovations aufgesprungen sind. Ich kanns verstehen und lass beim Blick in Ihre Augen während der Performance auch immer wieder Tränen zu..