Roger Chapman Barfuss im Kinzigtal

von Walter Holtfoth Text Foto Frank Schwichtenberg  

 

Roger Chapman barfuß im Kinzigtal: Als „Chappo“ im Bademantel das Milieu rockte

 

Von Walter Holtfoth

 

1990 war ein Cleopha Jahr, das keine Pausen kannte. Kurz nach den Hähnchen-Eskapaden für Saga und dem Nazareth-Wahnsinn stand das nächste Urgestein vor der Tür des Milieus: Roger Chapman. Die unverkennbare Stimme hinter Welthits wie „Shadow on the Wall“.

 

Wir hatten im Club Milieu in Hausach alles vorbereitet – ganz bodenständig mit einem weißen Leintuch über dem Garderobeneingang, auf dem in großen Lettern stand: „Welcome Chappo“.

 

Das „Bergfest“ der Rock-Legenden

 

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Hausach war das offizielle „Bergfest“ der Tournee. Die Hälfte der Termine war geschafft, und die englische Crew – Musiker, Techniker, Roadies – war in absoluter Feierlaune. Die Energie im Backstage war bereits vor dem ersten Ton elektrisierend.

 

Auf der Bühne passierte dann etwas Magisches. Im Vertrag standen eigentlich 90 Minuten, doch Chappo dachte gar nicht ans Aufhören. Er peitschte sich und die Band durch ein irres Drei-Stunden-Programm. Er genoss die Atmosphäre im Kinzigtal sichtlich.

 

Socken als Reliquien: Der Bademantel-Moment

 

Als die Zugaben anstanden, passierte der Moment, den heute noch jeder Besucher im Gedächtnis hat: Roger Chapman kam zurück auf die Bühne, aber nicht irgendwie. Wie ein Rock-’n’-Roll-Pendant zu Udo Jürgens trug er nur einen Bademantel. Sichtlich bewegt von der Energie im Raum, zog er sich die Socken aus und schleuderte sie als Reliquien ins Publikum, bevor er endlich die ersten Takte seines Welthits anstimmte.

 

Wenn die Crew den Club „trockenlegt“

 

Nach der Show ging der Wahnsinn erst richtig los. Die Engländer feierten ihr Bergfest bis zum Exzess. Ich schätze, die Hälfte ihrer Gage floss direkt wieder über die Theke des Milieu. Am nächsten Morgen war der Club buchstäblich trocken gelegt – Whiskey, Gin, alles weg. Die Crew musste für die Weiterreise das Sortiment komplett neu einkaufen.

 

Es war eine dieser Nächte, in denen die Grenze zwischen Arbeit und Ekstase verschwamm. Ein Abend, der bewies: Wenn du den Künstlern das Gefühl gibst, willkommen zu sein (und sei es nur durch ein bemaltes Leintuch), geben sie dir alles zurück – und manchmal sogar ihre Socken.

 

Der Nachhall: Wurde der Schwarzwald hier zum Schicksal?

 

Jahre später veröffentlichte Roger Chapman diesen Song: "Black Forest".

"I wanna live in the Black Forest, die in the Black Forest, forever in the Black Forest..."

Wenn ich diese Zeilen heute höre, sehe ich nicht die Postkarten-Idylle mit Kuckucksuhren und Bollenhüten. Ich sehe den Dunst im Milieu, ich rieche den verschütteten Whiskey und ich sehe einen barfüßigen Engländer im Bademantel, der für ein paar Stunden alles vergessen hat, was das Musikgeschäft so anstrengend macht.

 

Ich behaupte felsenfest: Als Chappo diesen Text schrieb, hatte er genau diesen Mittwochabend in Hausach im Kopf. Er besang nicht die Tannen, er besang dieses Gefühl von absoluter Freiheit, das wir ihm und seiner Crew an diesem Abend im Kinzigtal geschenkt haben.

 

Es ist das größte Kompliment für einen Veranstalter: Wenn aus einer Nacht ein Refrain für die Ewigkeit wird.


Eure Erinnerungen sind gefragt!

Wer von euch war in dieser legendären Nacht 1990 im Milieu dabei? Wer hat eine der Socken gefangen oder stand am Tresen, als der Whiskey ausging? Schreibt es mir in die Kommentare – lasst uns die alten Zeiten aufleben lassen!