Freiburg, es klingt nach Freiheit: Eine Heimkehr zum Kornhaus
Walter Holtfoth, Text Foto: Uwe Naumann Kaiserslautern
Foto Münster: Wikipedia (Von C. M. - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=122804428 )
Prolog: Der Rhythmus der Erinnerung
Während ich diese Zeilen tippe, dröhnt Santiano durch meine Kopfhörer: „Es klingt nach Freiheit“. Ein Titel, der wie ein Zündschlüssel für mein Kopfkino wirkt. Kommenden Samstag schließt sich ein Kreis. Ich werde das erste Mal meine Heimatstadt im alten Kornhaus direkt neben dem Münster rocken. Eine Premiere, deren Wurzeln tief in den 60er Jahren liegen. Ich bin im Loretto-Krankenhaus geboren – ein echtes „Bobbele“ durch und durch.
Teil 1: Bohnerwachs, Kartoffelsäcke und Milchkannen
Meine Kindheit war geprägt von der Entscheidung meiner Eltern, mich in die Obhut meiner Großmutter nach Littenweiler zu geben. Die Steinackerstraße wurde meine Welt. Ich sehe das Mehrfamilienhaus im dritten Stock noch vor mir: Der breite Treppenaufgang, der immer nach Bohnerwachs duftete. Der hölzerne Handlauf mit den polierten Kuppeln am Ende war keine Stütze, sondern meine private Rutschbahn. Treppenlaufen? Ein Fremdwort für den jungen Walter.
Im Erdgeschoss herrschte Herr Strack. Sein Lebensmittelladen war eine Zeitkapsel aus den 20er Jahren. Eine riesige Klapperkasse, Gutzele-Gläser und die alles dominierende Theke. Mein Job: Fünf Pfund Kartoffeln holen. Herr Strack schaufelte sie mit dieser schweren Blechschaufel direkt aus dem Sack – ein Bild und ein Duft, den ich heute noch in der Nase habe. Gegenüber die ehemalige Hofkonditorei, wo meine Oma stolz als „erstes Fräulein“ gedient hatte, und am anderen Ende der Milchladen Kirchgässner, wo die weiße Pracht noch direkt in die Blechkannen abgefüllt wurde.
Teil 2: Das Strandbad – Paradies mit Blaulicht
Was für eine begnadete Wohnlage! Nur ein Zebrastreifen trennte mich vom Strandbad. Im Sommer wusste Oma immer, wo ich war. Ich verbrachte die Tage auf der heißen Teerfläche vor dem Kiosk, zwischen Flipperautomaten und Bananenmilch.
Dort lernte ich das Schwimmen – auf die harte Tour. Vom Ein-Meter-Brett Richtung Leiter springen, bis der Abstand passte. „Walter kann kraulen!“ Doch der Übermut wuchs. Das Drei-Meter-Brett wurde zum Schauplatz meiner ersten Blaulichtfahrt. In der Hitze des Gefechts sprang mir ein anderer Junge direkt auf den Schädel. Platzwunde, Krankenhaus, Narben für’s Leben. Aber das Bad war „mein“ Revier. Nach Torschluss durften wir Kids für den Bademeister Strittmatter Müll sammeln. Der Lohn? Ein letzter Sprung ins leere Becken, die Betonrutsche für uns allein und eine Freikarte für den nächsten Tag.
Teil 3: Zwischen Geißböcken und Studentenunruhen
Nicht weit entfernt lag das Dreisamstadion, damals eher ein bescheidener Sportplatz für den SC Freiburg. Aber mein Herz schlug im Mösle-Stadion beim FFC. In der legendären Aufstiegsrunde gegen Alsenborn war ich der Junge, der mit dem Geißbock-Maskottchen die Ehrenrunde drehen durfte. Bente und Schulz – das waren meine Götter.
Gleichzeitig erlebte ich an der Hand meiner Großmutter das „große“ Freiburg. Wir fuhren mit der Straßenbahn zum Bertholdsbrunnen – damals noch auf hölzernen Lattenbänken. Das Ziel: Der legendäre Metzger-Imbiss Munder. Bockwurst und Kartoffelsalat waren für Oma und mich ein heiliges Ritual. Während wir dort standen, rannten hunderte Studenten Arm in Arm vorbei. „Ho Ho Ho Chi Minh!“ schallte es durch die Kaiser-Joseph-Straße. Die Fahrpreise waren um ein paar Pfennige erhöht worden, und die Stadt bebte.
Teil 4: Tatzen, Tatzen und der Münsterturm
Die Bildung gab’s in der Reinhold-Schneider-Schule. Es war die Zeit der autoritären Erziehung. In der zweiten Klasse verpasste mir mein Lehrer eine Ohrfeige, die so unglücklich saß, dass sein Ehering mein linkes Ohr verletzte – wochenlange ärztliche Behandlung inklusive.
Die Krönung war die „Massenzüchtigung“ im Religionsunterricht bei einem Vikar. Irgendjemand hatte mit Krampen und Gummis geschossen. Weil keiner den Täter nannte, mussten wir alle antreten: Zehn Tatzen mit dem Meerröhrchen für jeden. Sogar das Münster blieb nicht gewaltfrei: Als wir ohne die nötigen 50 Pfennig Gebühr mit dem Aufzug auf den Turm fuhren, kassierten wir oben statt der Aussicht erst mal eine saftige Backpfeife vom Aufseher.
Teil 5: Der Teppichklopfer und die elektrische Erleuchtung
Oma hatte den Messplatz verboten, aber ich hatte zwei Mark aus ihrem Versteck „geliehen“. Ab ins Klebekarussell – diese Trommel, die dich per Fliehkraft an die Wand klatschte. Mir wurde so speiübel, dass ich grün im Gesicht an einer Böschung landete. Ein Polizist in Uniform legte mir die Hand auf die Schulter: Es war Jan Dirk Lehmbach, ein Freund der Familie und heute noch Sänger, Musiker, Barde in Baden-Baden. Er rettete mich, aber zu Hause wartete die Oma mit dem Teppichklopfer. Den spürte ich noch den ganzen Weg von Beginn der Steinackerstraße bis ins Bett.
Doch in all dieser Härte gab es die Lichtblicke: Die erste Liebe in der dritten Klasse mit Pagenschnitt und Schmetterlingen im Bauch.
Und Markus, dessen Bruder die verbotenen Schätze hütete: Schallplatten. Als ich dort zum ersten Mal Jimi Hendrix (Electric Ladyland) und Chicago hörte, war es um mich geschehen. Es war wie eine elektrische Entladung.
Epilog: Die Heimkehr Wenn ich jetzt im Kornhaus stehe, direkt im Schatten des Münsters, dann sind sie alle wieder da: Der Duft der ersten Pepsi-Cola beim Strack, das Klatschen der Tatzen, das Brüllen im Mösle-Stadion und die alles befreiende Rockmusik.
Freiburg, ich freue mich auf dich. Wir haben uns viel zu erzählen!
