Cleopha Highlights Saga & Nazareth

Das Steak-Diktat und die Nazareth-Falle (1990)

1990 war ein Jahr, in dem die Energie förmlich knisterte. Der Erfolg von Cleopha gab mir damals den Rückenwind, den ich brauchte, um die ganz großen Dinger zu drehen. Meine Philosophie war damals wie heute felsenfest: Ohne Musiker, die sich in feuchten Proberäumen die Finger blutig spielen, gäbe es keinen einzigen DJ auf dieser Welt. Ich wollte meinem Publikum dieses rohe, echte Live-Erlebnis zurückgeben. Wenn Cleopha rief, sollte die Rock-Welt antworten.

Und dann kam dieser eine Anruf: „Walter, willst du Nazareth? Termin ist nächste Woche.“

Ich zögerte keine Sekunde. 20.000 DM Gage waren für damalige Verhältnisse ein absoluter Wahnsinn und ein riesiges finanzielles Risiko. Aber ich fackelte nicht lange, buchte eine halbe Seite Anzeige in der Tageszeitung – und der legendäre Club Milieu in Hausach war binnen sechs Tagen bis auf den letzten Platz ausverkauft. Der Stolz war riesig. Bis zu dem Moment, als die hässliche Fratze des Musikgeschäfts ihr Gesicht zeigte.

Die 17.000-Mark-Abzocke

Ein Fax im Hotel, adressiert an den Tourmanager, enthüllte den brutalen Insider-Deal der Agentur: „Lass dich auszahlen, gib der Band 3.000 DM in bar.“ Ich traute meinen Augen nicht. 17.000 DM strichen die Agenten im Hintergrund ein, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben. Und die Band, die Abend für Abend den Schweiß auf der Bühne vergoss und die Hallen füllte, wurde mit Brosamen abgespeist.

 

Auch wenn die nackten Tatsachen der Realität immer wieder knallhart zuschlugen und das Projekt Cleopha selbst am Ende stets herhalten musste, um die finanziellen Verluste solcher Produktionen zu decken: Die Begegnungen und Erlebnisse mit den Menschen auf der Bühne und im Nachgang haben mich immer vollends entschädigt. Finanziell war es damals ein Desaster, aber emotional unbezahlbar: Das Gefühl, Rocklegende Dan McCafferty und seine Jungs höchstpersönlich im eigenen Bus chauffiert zu haben, kann mir bis heute kein Geld der Welt nehmen.

Das SAGA-Steak-Diktat und der Hähnchen-Coup

Wenig später folgten die Kanadier von Saga. Wer Weltstars dieser Kategorie bucht, bekommt im Vorfeld die sogenannten „Rider“ – seitenlange, unmissverständliche Anweisungen, was die Band backstage zu essen, zu trinken und zu erwarten hat. Bei Saga hieß es im Vertrag klipp und klar: „Vor Ort gekocht: Steak, Speckbohnen, Kartoffeln.“ Wir lieferten natürlich standesgemäß ab. Unser Koch zauberte in der Küche, was das Zeug hielt. Doch als ich kurz vor der Show die Garderobe betrat, blickte ich nicht etwa in glückliche Gesichter, sondern in die tiefen, traurigen Augen von Frontmann Michael Sadler.

 

„Every fucking gig on this tour we had the same food“, seufzte die unverkennbare Stimme von SAGA und blickte gequält auf den Fleischteller. Jede Stadt, jede Halle, jeden Abend das verdammt gleiche Steak.

 

Ich sah in diesem Moment nicht den unnahbaren Weltstar, sondern einfach den Menschen hinter der Ikone. Ich fragte ihn kurz und direkt: „Was kann ich euch Gutes tun?“

 

Sadler sah mich fast schon bittend an: „Could you organize chicken? Just chicken and french fries?“

Ein Anruf, ein bisschen Logistik – und wir organisierten. Einfache Brathähnchen mit Pommes. Und wir machten sie damit glücklicher als mit jedem Fünf-Gänge-Menü.

Vertragsbruch im Namen des Rock 'n' Roll

Als wir uns einige Wochen später beim zweiten Konzert in Emmendingen wiedersahen, stand im offiziellen Rider der Agentur natürlich wieder das obligatorische, sture Rindersteak. Ich lachte nur, pfiff auf die Verträge und kaufte kistenweise frische, knusprige Hähnchen.

Das gab ein mittelschweres Erdbeben backstage. Der Tourmanager schäumte vor Wut, faselte mit rotem Kopf von „Vertragsbruch“ und drohte hochoffiziell, das Konzert platzen zu lassen. Michael Sadler bekam das mit, kam dazu, nahm mich einfach grinsend in den Arm und schüttelte den Kopf. Wir lachten dem bürokratischen Wahnsinn des Musikgeschäfts mitten ins Gesicht. Die Band ging auf die Bühne und spielte an diesem Abend eines ihrer besten Konzerte überhaupt.

Was am Ende wirklich zählt

Das Leben hält eben Dinge bereit, die mit Geld einfach nicht zu kaufen sind. Und wenn dem doch so sein sollte, dann sind diese Werte sicher nicht ehrlich. Bis heute verbindet uns genau dieser eine Moment. Es ist das Wissen, dass im Rock 'n' Roll manchmal ein einfaches, ehrliches Brathähnchen unter Freunden viel mehr wert ist als jeder goldene Paragraph auf geduldigem Papier.

Ich bin heute innerlich tief zufrieden, wenn ein Michael Sadler immer noch sofort reagiert, wenn ich ihn einfach auf Facebook anschreibe. Nach all diesen Jahren und auch über schwere Zeiten hinweg, die er jetzt gerade hoffentlich endgültig hinter sich hat – ich wünsche es ihm von ganzem Herzen. Diese verbleibende Verbundenheit ist der wahre Ertrag meiner Cleopha-Jahre.