Cleopha, die Geschichten: Der Tag, an dem ich nicht sprang
Es ist skurril. Da sitze ich am Schreibtisch, bereite mich voller Vorfreude auf die Hochzeit von zwei lieben Freunden vor, die ich morgen musikalisch rocken darf – und lande plötzlich bei der Musikrecherche ganz tief in meiner eigenen Seele. An einem Ort, der mal verwundet war. Aber das gehört wohl dazu, zum Leben.
Ganz tief rein !
Ich möchte euch heute einfach mal mitnehmen auf diese Reise. Nicht, um Mitleid zu erregen, sondern weil ich weiß, dass viele von euch da draußen genau solche Momente auch schon erlebt haben. Viele von euch haben mich in diesen dunklen Stunden auch begleitet oder zumindest meinen Weg verfolgt. Damals, als ich gefühlt verdammt alleine war.
Eine große Liebe ging zu Ende. Eine starke Verbindung über viele Jahre zerriss damals mit den wenigen, eiskalten Worten: „Ich kann dich nicht mehr riechen.“
Ich muss beim Schreiben tatsächlich kurz die Musik stoppen, um nicht zu tief zu versacken. Ich will eigentlich gar nicht zu tief in mein Seelenleben eintauchen, aber ich möchte euch da draußen zurufen: Verzagt nicht, wenn es mal richtig dick kommt! Es geht immer irgendwie weiter.
Damals war die Trennung da – grausam und unerbittlich.
Eine Plastiktüte links, eine Plastiktüte rechts. Das war mein gesamter Besitz. Das war mein Neuanfang. Und Freunde, ich sage euch, es war brutal, hart und verdammt schmerzhaft wenn man weiß, was ich zurück lassen musste.
Ich bin Bernhard heute noch irre dankbar, dass er mir damals sein Ein-Zimmer-Appartement in Rust überlassen hat. Direkt an der Elz. Ich weiß noch wie heute, wie ich auf diesem Balkon saß, mit Blick auf das kleine Bächle. Direkt davor stand eine riesige, überdimensionale Trauerweide, deren Zweige tief hinab ins Wasser hingen.
Ich saß jeden Abend dort. Eine Dose Bier in der Hand, die ich, nachdem sie leer war, stumm zerquetschte. Draußen ging das Leben weiter – und ich nahm irgendwie daran teil.
Danke nach Hannover, wir hatten eine wunderschöne, geile Zeit !
An dieser Stelle gehen herzliche Grüße nach Hannover – ja, das Internet damals und die beiden ISDN-Leitungen, mit denen ich wenigstens meine Radiosendungen in die Welt powern konnte. Das war mein Ventil. Doch wenn die Sendungen zu Ende waren, kam immer wieder dieser eine Gang auf den Balkon. Das schwere Durchatmen. Und dieser malerische, traurige Blick auf die Weide.
Soll ich… oder soll ich nicht?
Der Balkon war hoch genug. Der Anlass schien mir damals Grund genug.
Ich bin nicht gesprungen. Das Leben hatte noch ein bisschen was vor mit mir, und irgendjemand da oben flüsterte mir leise zu: „Jetzt nicht.“ Und das war verdammt noch mal mehr als gut so!
Es kamen danach irre, verrückte Momente in Hamburg. Es folgte eine unheimlich heilsame Zeit in der Pfalz.
Und vor allem kam, ich landete irgendwann bei Paddy in Orschweier, Franzi. Bei ihr wusste ich vom ersten Moment an: Sie ist mein echter Ankerplatz. Heute bin ich mir selbst unendlich dankbar, dass ich damals den Mut hatte, stehenzubleiben – auch wenn der Abgrund in diesem Moment mehr als verlockend war.
Morgen werde ich für das Brautpaar am DJ-Pult alles geben. Und ich werde es tun verbunden mit meinem tiefsten, ehrlichsten Wunsch für die beiden: Dass ihre Liebe ewig halten wird. Weil ich weiß, wie wertvoll sie ist.
All You Need Is Love !
Nachtrag (3.06.26) Diese Geschichte ist jetzt auch wieder 26 Jahre her. Ich hatte mich damals in Vogel Strauß Manier hinter meinem Trümmerhaufen versteckt, geraucht wie ein Schlot und dem Rotwein abgeschworen, als ich merkte, dass eine Flasche am Abend nicht mehr reichen wollte. Eine andere Sucht war tatsächlich die Arbeit, das Thema Konzerte. Ich holte City ein letztes Mal in unseren Süden - nach Grafenhausen. Heute bin ich nicht unglücklich über das wirtschaftliche Ergebnis. Ein letztes Mal waren sie alle zusammen auf einer meiner Bühnen. ( In liebevoller Erinnerung an Fritze Puppel und Klaus Selmke )
P.S. falls Du zum ersten Mal aus purem Zufall hier landest, dieser Beitrag ist ein Teil meiner "losen Blattsammlung" unter der Rubrik Cleopha - die Geschichten - der Blog. Irgendwann sicherlich alles zum Anfassen, als kleines Buch, so richtig schwarz auf weiß ..vielleicht.. wer weiß :-)
