Heartlight - Erfolg dank dem badischen Trüffelschwein

Cleopha – Die Geschichten: Wie ein „ausgelaufener“ Radio-Song durch ein badisches Trüffelschwein zum bundesweiten Alltime-Klassiker wurde

 

Es gibt Momente im Leben eines DJs, da schlägt der Blitz ein. Man hört ein paar Takte und weiß tief im Magen: Das ist es. Das ist keine normale Nummer. Das ist ein Cleopha-Song.

 

Letzten Mittwoch stand ich in den Ettenheimer Weinbergen am Mischpult bei der Hochzeit von Sandra und Chris. Ein wunderschönes Fest, tolle Menschen, aber wie das bei Hochzeiten so ist: Nichts klappt am Ende so, wie es wochenlang minutiös geplant war. Die Spiele nach dem Essen dauerten, mein eigener Beginn verzögerte sich bis nach 23 Uhr... aber dann kam der Moment, der mich emotional komplett aus den Schuhen gehauen und mich auf eine Zeitreise geschickt hat.

 

Nachdem Steffi und die Hochzeitsgesellschaft das Brautpaar mit einer umgetexteten Version von „Warum hast du nicht nein gesagt“ gefeiert hatte, wurde ein „Mitmach-Song“ angekündigt. Die ersten Takte erklangen live von der Gitarre – und ich war fassungslos:

 

„Welcome to Heartlight“ von Kenny Loggins.

 

Und schwupps, war ich im Kopf wieder im Jahr 1988.

 

Das Knistern im Auto und die Detektivarbeit ohne Internet

 

Schnitt.

 

Frühjahr 1988. Ich sitze mit meiner damaligen Freundin und späteren zweiten Frau Nici im Auto auf der Autobahn Richtung Grafenhausen. Im Radio läuft der Südwestfunk (SWF 1) – die legendäre Bundesliga-Schaltkonferenz. Zwischen Torjubel, Halbzeitständen von Borussia Dortmund und anderen und dem Verkehrsfunk läuft plötzlich im Hintergrund dieser eine Song. Eine Melodie, die mich sofort elektrisiert. Ich wusste nichts über das Lied, aber ich wusste: Ich muss diese Scheibe haben.

 

Recherche a la 1988 

 

Man muss sich das heute mal vorstellen: Es gab kein Internet. Kein Google, kein Shazam, kein Smartphone. Handys waren tonnenschwere C-Netz-Knochen im Auto und unbezahlbar. Wenn du einen Song im Radio verpasst hast, war er weg. Punkt.

 

Aber wer mich kennt, weiß, dass ich eine eingebaute Hartnäckigkeit besitze (die damals schon Konzert-Legende Fritz Rau überzeugte). Am nächsten Tag hing ich am Telefon. Zentrale des Südwestfunks in Baden-Baden. Dank einer unglaublich geduldigen Telefonistin landete ich tatsächlich in der Musikredaktion. Auf der anderen Seite erst mal Seufzen: „Ja, das haben wir oft, dass Leute einen Song gehört haben... aber welcher war es denn, und wann genau?“ Ich musste schmunzeln: Wenn ich den Titel gewusst hätte, hätte ich ja nicht angerufen! Gemeinsam grenzten wir die Uhrzeit zwischen Dortmund-Tor und Stau-Meldung ein. Und tatsächlich: Am Ende spuckte der Computer Kenny Loggins aus.

 

Die Jagd nach dem Phantom

 

Ein fettes Danke nach Baden-Baden – aber die Odyssee ging jetzt erst richtig los. Ich stürmte in den Schallplattenladen meines Vertrauens. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß: „Kenn ich nicht“, hieß es dort. Wir wälzten die dicken Bestellkataloge der Plattenfirmen. Und da stand es schwarz auf weiß: Kenny Loggins – Album „High Adventure“ – Vermerk: Ausgelaufen. Nicht mehr lieferbar. Die Platte war damals kommerziell gefloppt, das Radio spielte sie kaum.

 

Aber ein Cleophaner gibt nicht auf. Über verschlungene Importkanäle schaffte ich es Wochen später tatsächlich, ein Exemplar dieser rar gewordenen LP zu ergattern. Mein Herz schlug wie verrückt, als ich die Nadel das erste Mal in die Rille setzte. Ich war mir absolut sicher: Das hier ist eine ureigene, ewige Nummer.

 

Die Geburtsstunde eines Gütesiegels – Und die Spione im Dunkeln

 

Ich sollte recht behalten. Genau wie bei STS (die damals außer „Fürstenfeld“ kein Mensch auf dem Schirm hatte) etablierte ich „Heartlight“ bei meinen Gigs. Ich spielte den Titel oft zwei-, dreimal in der „Eintrudelphase“, wenn die Halle sich füllte. Später am Abend gab ich den Leuten den Cleopha-Kompass mit: „Macht einfach die Augen zu und lasst euch treiben.“

 

Und der Song schlug ein wie eine Bombe!

 

Bis zum heutigen Tag gibt es keine einzige Cleopha-Veranstaltung, bei der diese Nummer nicht zur Riesenfreude aller läuft. Mittlerweile singen es die Enkel der Fans der ersten Stunde mit.

 

Das Phänomen blieb natürlich nicht unbemerkt. In meinem Dunstkreis gab es damals viele DJ-Kollegen – gute Jungs, Kumpels, aber eben auch Konkurrenten. Sie saßen teilweise im dunklen Eck der Halle, bewaffnet mit einem Notizblock, und schrieben Song für Song meine Setlist auf, um das „Cleopha-Geheimnis“ zu entschlüsseln. Viele wollten mich kopieren. Aber das Schöne ist: Ich bin immer noch da. Mehr braucht es dazu nicht zu sagen.

 

Dem Song hat dieser „Diebstahl“ allerdings mehr als gutgetan. Alle DJs besorgten sich plötzlich die Loggins-LP. „Heartlight“ lief plötzlich landauf, landab auf jeder Party. Für mich war das aus Marketing-Sicht der absolute Ritterschlag: Immer wenn Kenny Loggins (oder später Bands wie Saga oder City) bei den Kollegen lief, sagte das Publikum: „Mensch, das ist doch typische Cleopha-Musik!“ Das Publikum verpasste meinen Songs damit ein echtes Gütesiegel, das bis heute hält.

 

Das unerwartete Comeback einer totgesagten Platte

 

Die Lawine, die wir damals im Süden losgetreten hatten, erreichte schließlich sogar die Musikindustrie. Die Nachfrage nach dem „ausgelaufenen“ Album war bundesweit plötzlich so gigantisch, und der Song lief in den Wunschkonzerten der Radiostationen rauf und runter, dass die Plattenfirma gar nicht anders konnte: Das Album wurde neu aufgelegt! Bis heute ist es in gut sortierten Läden und Online-Börsen zu finden.

 

Wenn ich im Juli das erste Mal im Seniorenheim in Offenburg hinterm Mischpult stehe, werde ich „Heartlight“ ganz sicher im Gepäck haben. Weil ich weiß, dass dort Menschen sitzen werden, die diesen Titel ebenso tief im Herzen tragen wie vor fast 40 Jahren.

Und wenn ich an Sandra und Chris denke, wie sie da in den Ettenheimer Weinbergen zu „Omas Cleopha-Klassiker“ gefeiert haben, dann weiß ich wieder ganz genau, warum ich diesen Job auch nach all den Jahrzehnten noch immer mit jeder Faser meines Körpers liebe.

 

Macht die Augen zu und lasst euch treiben...

 

Euer Walter 

 

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P.S. falls Du zum ersten Mal aus purem Zufall hier landest, dieser Beitrag ist ein Teil meiner "losen Blattsammlung" unter der Rubrik Cleopha - die Geschichten - der Blog. Irgendwann sicherlich alles zum Anfassen, als kleines Buch, so richtig schwarz auf weiß ..vielleicht.. wer weiß :-)