Cap Anamur und das Ende der Unschuld

ich durfte ihr zweimal begegnen, kein Geld der Welt hätte mich glücklicher gemacht.  Bildquelle: Alamode - Film ( STANDART - Verlags GmbH) 

Gott Weiß, nicht alles lief immer glatt, nicht alles war geprägt von Party, eitel freud und sonnenschein.. es gab auch schwere Schläge und bittere niederlagen. 

 

Es gibt keine Bilder, keine Videos einer ganzen Woche. Nur das, was in der Erinnerung übrig geblieben ist. 

 

 

Cap Anamur und das Ende der Unschuld (1980 - 1981)

 

Die Welt im Jahr 1980 kannte keine Nuancen. Es gab nur die Notwendigkeit. Während im Chinesischen Meer die „Boat People“ ertranken, gründeten wir in Lahr die Grünen. Wir galten als Spinner, als unreife Träumer. Aber wir hatten etwas, das der etablierten Politik fehlte: Eine brennende Seele.

 

Mein journalistisches Gewissen wurde in jenen Tagen von Dr. Franz Alt geschärft. Sein Magazin „Report“ war für mich eine moralische Instanz. Alt gab der Tragödie im fernen Osten ein Gesicht und unterstützte die Rettungsmission der Cap Anamur von Dr. Rupert Neudeck.

 

Ich war 24 Jahre alt und wollte nicht nur zusehen. Ich wollte helfen. Also gründete ich den „Initiativkreis Benefizwoche“. Ich wollte die Politik aus dem Spiel lassen – es sollte um Menschen gehen.

Dort beging ich einen wirklich großen Fehler meines Lebens.

 

Ich war ein Idealist ohne Kompass im Haifischbecken des Showgeschäfts. Ich unterschrieb Verträge mit Agenturen im Glauben, jeder arbeite nur für die gute Sache. Ich ahnte nicht, dass „Benefiz“ für viele nur ein Schlagwort für Provisionen war. Es war eine harte Lektion: Wer Gutes tun will, muss das Handwerk des „Bösen“ beherrschen. Doch dieser Fehler öffnete Türen zu Namen, die wie ferne Sterne leuchteten: Fritz Rau und schließlich Joan Baez.

 

Die Frechheit des Idealisten

 

Mit 24 Jahren kennt man keine Hierarchien. Mein Ziel war Joan Baez, die voice of conscience. Ich tat das Unmögliche, wovor mich jeder Profi gewarnt hätte: Ich griff zum Hörer und wählte die Nummer der Agentur Lippmann & Rau in Bad Homburg. Dass Fritz Rau – damals der unangefochtene Gott des europäischen Showgeschäfts – tatsächlich selbst abnahm, war der erste Schock. Er servierte mir sofort die kalte Realität: „Joan hat tausend Anfragen jeden Tag, Bub. Schlag dir das aus dem Kopf.“

 

Der Traum zerplatzte. Doch anstatt kleinbeizugeben, schoss ich aus der puren Enttäuschung heraus zurück: „Dann stimmt es wohl doch, dass ein Fritz Rau auch alles nur wegen der Kohle macht...“

 

Stille. Dann ein tiefes Raunen am anderen Ende der Leitung: „Bub, des loss ich nit auf mir sitze!“

 

Wochen später die Sensation: der Anruf von Hermjo Klein ( später Shooter & Klein ) 

 

Joan wusste von Lahr, war aber in der Zeit in Südamerika unterwegs. Ich dachte mir im ersten Moment.. "na klar, bla, bla," Aber -  Sie wollte uns treffen. Persönlich. In Mannheim, mit uns sprechen. Die Fahrt dorthin im roten Käfer Cabrio war eine Pilgerreise. Als wir im Backstage-Bereich des Rosengartens vor ihr standen, kollabierte unser mühsam gelerntes Schulenglisch unter ihrem sanften Lächeln. Es war kein Business-Meeting, es war eine Segnung. Als später am Abend „We Shall Overcome“ über den Platz hallte, weinten wir. Wir hatten die Bestätigung der höchsten Instanz.

 

Das heiße Zelt und der Ruin

 

Was ich nicht ahnte: Die moralische Unterstützung war das einzige Gold, das ich mitnehmen würde. Der August 1980 war gnadenlos heiß. Aus Angst vor einem plötzlichen Sommergewitter hatte ich ein riesiges Festzelt aufstellen lassen. Es wurde zum Monument meiner eigenen Paranoia – ein gigantischer Hitzestau-Kessel, der die stehende Luft von Lahr einfing und mein logistisches Scheitern einläutete.

 

Der gut gemeinte Rat von Philipp Brucker

 

Der Lahrer Oberbürgermeister Dr. Philipp Brucker sah die rosarote Brille, die ich so krampfhaft festhielt. Er bat mich in sein Büro, blickte mich ruhig an und sagte diesen einen, väterlichen Satz, der mir noch lange im Kopf nachhallen sollte:

„Kerli, ich will nicht, dass Sie am Ende mit Schulden dastehen.“

 

Er behielt recht. Die Hitze trieb die Menschen ins Freibad, nicht unter die Plane meines stickigen Zeltes. Die Einnahmen tröpfelten, die Ausgaben fluteten mich wie eine Sturzflut. In Wahrheit war ich ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank. In Lahr wartete eine Band namens Fargo, die mir wegen fehlender Essiggurkenstreifen auf den belegten Brötchen den Krieg erklärte. Sie reizten uns als Veranstalter und das Publikum bis aufs Blut. Als der Bassist schließlich mit einem Schlagring ins Publikum stürmte, weil er von einer Cola-Dose getroffen worden war, war mein Traum von der friedlichen Benefizwoche die mit Zeitenwende und einer genialen Aufführung von Pictors Verwandlungen und Anyones Daughter begann, endgültig gestorben.

 

Der Kfz-Brief und ein Scheck von Franz Alt

 

Ich stand am Abgrund. In der Garderobe boten wir den Musikern von Epitaph alles an, was wir noch besaßen: Goldketten, sogar den Kfz-Brief eines alten Autos. Ich lag buchstäblich auf den Knien. Cliff Jackson sah mich an, schob den Brief wortlos zurück und verlangte lediglich eine Flasche Sekt. Er spielte ein Konzert, das die Ruinen meiner Existenz für ein paar Stunden in pures Gold verwandelte. Aus diesen Stunden entwickelte sich eine Musikerfreundschaft, die bis heute hält. Später feierten wir gemeinsam die Weltpremiere der Nachfolge Band "Kingdom" am Apostelsee in Ettenheim und eine großartige Rocknacht mit "Domain" in der Teninger Jahnhalle. Doch zurück zur Katastrophe von 1981 

 

Erst als der letzte Akkord verhallte und das eiskalte Licht im Zelt anging, holte mich der nackte Beton wieder ein: Zum Schluss blieb die totale Pleite. Ich war 24, restlos überschuldet und am Ende meiner Kräfte.

 

Doch dann kam dieser Brief von Dr. Franz Alt. Ein Scheck über 2.000 DM. Nicht für die Gläubiger, sondern „für die Familie“ stand im Verwendungszwck. 

 

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich begriff: Wer für eine ehrliche Sache brennt, kann zwar verdammt hart verbrennen – aber er wird niemals völlig im Dunkeln gelassen.

 

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P.S. falls Du zum ersten Mal aus purem Zufall hier landest, dieser Beitrag ist ein Teil meiner "losen Blattsammlung" unter der Rubrik Cleopha - die Geschichten - der Blog. Irgendwann sicherlich alles zum Anfassen, als kleines Buch, so richtig schwarz auf weiß ..vielleicht.. wer weiß :-) 

 

 

Epitaph

immer noch ein solider Name im Rock - Geschäft.  Als Kingdom und Domain auf Cleopha Bühnen Bernie Kolbe, zweiter von links und Cliff Jackson, rechts. Mit Heinz Glass, links dabei in Lahr 1981.