Der Radweg kommt - Das Friesenheimer Brückenwunder

Foto mit freundlicher Genehmigung von Chrisitne Bohnert - Seidel

Das Friesenheimer Brücken-Wunder: Ein Radweg für die Ewigkeit (oder bis zum Abriss)

 

Ein Kommentar von Walter Holtfoth

Man soll die Sitzungen des Gemeinderats ja nie vor dem Punkt „Verschiedenes“ verlassen. Wer am Montagabend nach dem langen ELR-Zahlenmarathon dachte, der Käse sei gegessen, wurde von Bürgermeister Erik Weide eines Besseren belehrt. Nach dem klassischen Columbo-Prinzip („Einen hätte ich da noch...“) zauberte der Rathauschef am Ende eine Nachricht aus dem Hut, die im Saal fraktionsübergreifend für Schnappatmung sorgte.

 

Von einer „kleinen Sensation“ war die Rede. Bauamtsleiter Markus Reinbold und der Bürgermeister bemühten sogar unisono das Wort „Wunder“. Und tatsächlich: Das Regierungspräsidium in Freiburg hat nach gefühlten Jahrzehnten und gefühlt zehntausend Anträgen endlich grünes Licht gegeben: Der Radweg über die Eisenbahnbrücke zwischen Friesenheim und Schuttern darf gebaut werden! Sogar die Deutsche Bahn hat ihren heiligen Segen dazu erteilt. Dass man das noch erleben darf!

 

Das marode Nadelöhr ins Industriegebiet

 

Soweit die Hochglanz-Nachricht. Doch wie das bei Wundern in der Kommunalpolitik oft so ist: Schaut man genauer hin, kriegt die Sache ganz schnell Risse. Und in diesem Fall sind die Risse sogar weithin sichtbar. Die besagte Brücke ist nämlich in einem erbärmlichen Zustand und für den Schwerlastverkehr längst gesperrt.

 

Das brachte das Gremium zum Ende der Sitzung noch einmal so richtig in Fahrt. Und es war Julius Haas, der das Kind gewohnt deutlich beim Namen nannte. Sinngemäß fragte er, was sich die Planer eigentlich dabei gedacht haben: „Jetzt bauen wir einen Radweg, um ihn dann mit der Brücke zusammen wieder einzureißen? Das ist Schwachsinn!“ Rumms.

 

Das saß. Haas, Jürgen Silberer und auch Roland Herzog forderten stattdessen das einzig Logische: Wenn man schon mit der Bahn und dem RP am Tisch sitzt, muss man über einen kompletten Neubau der maroden Brücke verhandeln. Schließlich quälen sich die Lkw derzeit über riesige Umwege ins Industriegebiet. Ein Zustand, der die Wirtschaftskraft im Ort zu lähmen drohe.

 

Der Realitäts-Schock aus dem Rathaus

Doch Erik Weide goss sofort nüchternen, deutschen Realismus über die Debatte. Sein Einwurf war so bitter wie wahr: Wenn man sieht, wie viele Brücken in Deutschland – selbst an den wichtigsten Autobahnknotenpunkten – gerade weggammeln, dann steht die Brücke zwischen Friesenheim und Schuttern beim Land ganz sicher nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.

 

Übersetzt heißt das: Auf einen Neubau können wir warten, bis wir schwarz werden. Und auch den viergleisigen Ausbau der Rheintalbahn werden die meisten der heute aktiven Räte wohl kaum noch im Amt erleben.

 

Es ist das klassische kommunale Dilemma: Setzt man auf die perfekte, große Lösung (Brückenneubau), die vielleicht in 25 Jahren kommt? Oder nimmt man das, was man jetzt kriegen kann?

 

Ein Argument wie ein Verstärker

 

Den emotionalen Schlusspunkt setzte Michael Walter (GLU), und er traf damit den entscheidenden Nerv: „Ich verstehe Euch ja, aber denkt bitte an unsere Kinder, die sich nicht mehr durch die Unterführung quälen müssen, um sicher auf dem Weg zur Schule zu sein.“

 

Dieses Argument saß und wirkte wie ein Verstärker für Weides Marschrichtung. Der Plan für diesen Radweg wurde immerhin schon unter Weides Vorgänger Armin Roesner angestoßen. Jetzt, wo die Genehmigung nach all den Jahren endlich da ist, will die Gemeinde die Gelegenheit am Schopfe packen.

 

Und nun ? 

Ja, es hat einen schildbürgerlichen Beigeschmack, einen neuen Radweg an eine morsche Brücke zu flanschen, deren Tage gezählt sind. Aber der Lokaljournalismus muss hier ehrlich sein: Auf das große „Wunder“ eines Brückenneubaus zu warten, hieße, die Sicherheit unserer Schulkinder für die nächsten Jahrzehnte auf der langen Bank zu parken.

 

Friesenheim baut jetzt also diesen Radweg. Und das ist gut so. Auch wenn wir das dicke Brett im Auge behalten müssen, dass unser Industriegebiet für den Schwerlastverkehr weiterhin fast abgeschnitten bleibt.

 

Das nächste Wunder lässt im Rathaus ja vielleicht nicht wieder Jahrzehnte auf sich warten.

Bleibt kritisch. Wir sehen uns auf der Brücke!