Der dreitausendste Klick: Wie ich das Schreiben fand, verlor – und neu erfand
Es braucht nur noch einen einzigen Klick. Genau einen. Während ich diese Zeilen tippe, steht der Zähler auf dem Dashboard von Friesenheim Aktuell bei exakt 2.999 Menschen.
Eine Zahl, die mich in der heutigen Sonntagsruhe tief durchatmen lässt. Ihr kennt mich als den Mann mit dem Hut, an den Reglern, als Rock-DJ von Cleopha, als Chronisten des Dorfgeschehens. Aber kaum jemand weiß eigentlich, wie abenteuerlich mein Weg in die Welt der Buchstaben war. Es ist eine Geschichte vom Suchen, Verlieren und Wiederfinden.
Der Sprung ins kalte Wasser
Alles begann noch vor der Corona-Zeit. Friesenheim war damals in der glücklichen Lage, von drei Tageszeitungen bedient zu werden: Der Lahrer Zeitung als Platzhirsch, der Badischen Zeitung als der Stimme Badens und dem Lahrer Anzeiger, gesteuert aus Offenburg. Für den Lahrer Anzeiger war damals Wolfgang Schätzle als rasender Reporter unterwegs.
Als Eventmensch versorgte ich alle Redaktionen regelmäßig mit Infos, um meine Veranstaltungen seriös zu präsentieren. Ich lernte das Einmaleins der Medienwelt und knüpfte Kontakte, die bis heute halten.
Anja und der so wichtige Anruf in meinem Leben
Eines Tages klingelte mein Telefon. Anja Rolfes, die damalige Redaktionsleiterin des Lahrer Anzeigers, war am Apparat. Sie teilte mir mit, dass Wolfgang Schätzle einen schweren Infarkt erlitten hatte. Sie suchte händeringend und schnellstmöglich Ersatz. „Kennst du jemanden der übergangsweise einspringen kann, Walter?“ Ich sagte, ganz lässig und ohne lange nachzudenken: „Probier’s doch mit mir, ich kenne das Geschäft ja von der anderen Schreibtischseite.“
„Das ist gut, das lassen wir weg“ (Wolfgang Achnitz)
Dass diese „andere Seite“ ein höllischer Crashkurs werden sollte, ahnte ich da noch nicht. Anja wurde meine Mentorin. Sie erkannte mein Talent und kniete sich förmlich in meine Ausbildung. „Das ist gut, das lassen wir weg“ – der klassische Kernsatz eines Redakteurs gegenüber dem freien Mitarbeiter. Ich weiß heute nicht mehr, wie viele vollgeschriebene Blätter im Papierkorb landeten. Es müssen hunderte gewesen sein. Anja hat mit Engelsgeduld an mir gearbeitet, mir den Feinschliff verpasst, mir den Umgang mit Kommunalpolitik, Dorfgeschichten und Interviewaufbau beigebracht. Ihr habe ich alles zu verdanken.
Die zweite Kontrollinstanz saß – und sitzt – hier zu Hause. Kein einziger Artikel ging an die Redaktion, bevor meine Franzi nach der Rechtschreibprüfung ihr OK gab. Und das war bitter nötig! Denn wenn ich erst mal im Schreib-Flow bin, spielt die Orthografie für mich selten eine Rolle.
Vom Ritterschlag zum Kahlschlag
Die Mühe lohnte sich. Die Texte waren gut, die Leser nahmen mich ernst und schlossen mich ins Herz. Der Ritterschlag war eine wöchentliche Samstagskolumne, die einen festen Platz erhielt. „Das Beste, was dieser Zeitung passieren konnte, sind Sie“, sagte mir mal eine ältere Dame aus Schuttern beim Patrozinium. Was war ich stolz!
„Das Beste, was dieser Zeitung passieren konnte, sind Sie“
Dann geschah das Unfassbare. Corona brach über uns herein. Als Veranstalter und Rock-DJ zog es mir sofort den Boden unter den Füßen weg. Kein öffentliches Leben, keine Kultur mehr. Ich war gerade mit unserem spanischen Wasserhundmix Noodles auf unserer üblichen Runde durch den Friesenheimer "Park" unterwegs, als das Handy klingelte. Anjas Stimme hatte diese unheilvolle Ernsthaftigkeit. „Walter, sitzt du gerade?“ Ich verneinte, suchte mir aber hastig die nächste Parkbank. „Ich muss dir leider sagen: Uns gibt es ab morgen nicht mehr. Ihr seid alle freigestellt.“
"uns gibt es ab Morgen nicht mehr!"
Der Verlag in Offenburg hatte beschlossen, die Redaktion des Lahrer Anzeigers komplett einzustampfen. Von heute auf morgen gefeuert. Bitter für mich und alle Kollegen, die sich eine Existenz aufgebaut hatten. Die Bürgermeister der Region protestierten, wurden aber vertröstet. Hinter den Kulissen war längst beschlossen, die redaktionelle Arbeit an die Badische Zeitung zu vergeben. Ich war fassungslos und verzweifelt. Die Einnahmen brachen weg, die Miete wurde unerschwinglich – in letzter Konsequenz folgte der schmerzhafte Umzug ins Böldele.
Das Blatt wendet sich
In meiner Not klopfte ich bei Christian Kramberg an, dem Redaktionsleiter der Badischen Zeitung und Musikliebhaber. Er gab mir eine Chance, erst mal auf Probe. Zurück in Friesenheim wollte ich natürlich keinem Kollegen den Job streitig machen und stellte mich ganz hinten an. Doch die Redakteure merkten schnell, dass ich eine Entlastung war. Sie versorgten mich mit Aufträgen, und ich lieferte. Heute bin ich glücklich, ein kleines Rädchen im Getriebe der Badischen Zeitung zu sein.
Friesenheim Aktuell unabhängig, ehrlich, frei !
Parallel dazu entstand eine ganz eigene Herzensangelegenheit: Friesenheim Aktuell. Mein eigenes, freies Medienportal. Quasi die Online-Zeitung aus Friesenheim, für Friesenheim. Hier kann ich mich völlig ohne Zwänge einbringen und dem Ort etwas zurückgeben, dem ich so viel zu verdanken habe. Die Sternenberghalle war von Anfang an der Tempel der Classic-Rock-Bewegung, tausende Fans sind über die Jahre zu mir nach Friesenheim gepilgert.
Im Rückblick ist alles an seinem Platz. Das Abenteuer Leben hat Umwege genommen, aber es hat sich gefügt. Heute folgen hier 2.999 Menschen meiner Passion. Sie schätzen meine Arbeit, nehmen meine Beiträge ernst – auch wenn sie alles andere als eine Hofberichterstattung darstellen.
Dafür sage ich von ganzem Herzen: Danke! Und jetzt... wer macht die 3.000 voll?
mein Dank geht heute an alle meine Kollegen im Medienzirkus, Heike, Uli, Christiane, Christine (LZ), Bastian, Nic, Endrik, Christian, Julia (Göpfert & Berger) Hannah, Anja und Jens (OT) Knolli ( Hitradio Ohr )
