Cleopha im Seniorenheim - Freudentränen & Sirtaki

Wenn Musik zur Medizin wird: Gänsehaut und pures Glück im Seniorenheim

 

Es gibt Gigs, die spielt man für die Stimmung, für den Applaus oder den Erfolg. Und dann gibt es diese ganz seltenen, magischen Momente, in denen Musik zu etwas viel Größerem wird. Zu einem Anker. Zu einem Pflaster für die Seele. Gestern durfte ich genau so ein Erlebnis mitnehmen – und ich bin immer noch tief bewegt.

 

 

VON WALTER HOLTFOTH

 

Ich komme gerade von einem Auftritt in einem Seniorenheim in Offenburg zurück. Wer mich kennt, weiß, dass ich das Leben und den Rock 'n' Roll feiere. Doch gestern ging es um viel mehr. Ich stand am Mischpult vor Menschen, die sich in ihren schwierigsten Lebenslagen befinden. Einige von ihnen verbringen dort ihren Lebensabend, andere sind Bewohner des Hospizes und gehen gerade ihre allerletzten Schritte auf dieser Erde.

 

Wenn man einen solchen Raum betritt, spürt man die Schwere, die über vielen Schicksalen liegt. Doch dann passierte das, was ich die „wahre Cleopha Magie“ nenne.

 

Das Rezept für eine solche Erfolgsgeschichte

 

Aber wie entsteht so ein Moment überhaupt? Es braucht zwei Dinge: Zum einen eine Idee, die schon seit Jahren in meiner Schublade lag und darauf wartete, endlich aktiviert zu werden. Zum anderen – und das ist der entscheidende Punkt – braucht es mutige Entscheider an den richtigen Stellen.

 

Ein ganz besonderer Dank gilt hier der Geschäftsführung des Vinzentushauses, allen voran Prof. Dr. Monika Roth. Sie hat nicht nur die sprichwörtlichen Türen geöffnet, sondern von der ersten Sekunde an vorzügliche Bedingungen geschaffen, unter denen dieses Projekt überhaupt erst atmen konnte. Ich habe mich gerade auf dieser Führungsebene von Beginn an mehr als herzlich willkommen gefühlt. Ohne diesen Mut und diese Wertschätzung wäre dieser Nachmittag nie Realität geworden. Wie haben alle an diesen Nachmittag geglaubt. Mein hezlichster Dank gilt auch Amelie Wiehan, welche die direkte Orga Leitung hatte und all ihren Kolleginnen und Kollegen, die alle ganz wichtige Rädchen im großen Spiel waren. Euch allen ganz lieben Dank! 

 

Der direkte Draht zur Seele

 

Als ich schließlich die Regler hochschob und die Lieder startete, die diese Generation ein Leben lang begleitet haben, wich die Schwere einer unbeschreiblichen Leichtigkeit. Die Musikünsche zauberten mir von Anfang an ein Lächeln ins Gesicht, denn sie waren wild, bunt und herrlich Abwechlungsreich. Einige hatten das Motto Classic Rock ganz für sich interpretiert. So war auch viel Klassik in den Wünschen zu finden.. überhaupt Toleranz war gefragt und wurde erbracht. Von Johann Strauß über Beethoven, Johannes Heesters, Peter Alexander, Udo Jürgens bis hin zu Deep Purple, ABBA ( Meistgewünscht übrigens ) bis zu den Stones und Elvis und natürlich den Beatles. Auch Rod Stewart durfte nicht fehlen, sein "Sailing" für eine schwerstkranke Hospizpatientin, mein Blick in diese glücklichen Augen, ließen mich für einen kurzen Moment mit den Tränen kämpfen. 

 

Es war Gänsehaut pur. Ich durfte in Augen blicken, die vor Erinnerungen aufleuchteten. Menschen, die vom Leben gezeichnet sind, fingen plötzlich an zu strahlen, schunkelten mit, hielten sich an den Händen und lächelten ein Lächeln, das direkt aus dem Herzen kam. Für ein paar Stunden waren die Schmerzen, die Sorgen und die Ungewissheit des morgigen Tages komplett vergessen. Die Musik hat Mauern eingerissen, an die keine Medizin der Welt mehr herankommt. Sie hat die Menschen dorthin zurückgebracht, wo sie jung, frei und unbeschwert waren.

 

Mehr bekommen, als man geben kann

 

Ich bin mit dem Vorsatz dorthin gefahren, diesen Menschen ein wenig Freude zu schenken und viel von meiner eigenen Energie zu geben. Aber das, was in diesen Stunden passierte, hat mich komplett überwältigt: Ich habe viel gegeben – aber ich habe das Doppelte und Dreifache an Liebe, Dankbarkeit und purer Lebensfreude zurückbekommen.

 

Diese ehrliche, ungefilterte Dankbarkeit von Menschen zu spüren, die wissen, wie kostbar jede verbleibende Minute ist, erdet einen vollkommen. Es rückt die eigenen, kleinen Alltagssorgen wieder genau dorthin, wo sie hingehören: in die absolute Bedeutungslosigkeit.

 

Dieser Nachmittag war vielleicht einer der wichtigsten und wertvollsten Gigs meiner gesamten Laufbahn. Er hat mir wieder einmal bewiesen, warum ich diesen Job seit Jahrzehnten mit jeder Faser meines Körpers liebe. Musik verbindet uns – im Tanzlokal, auf dem Festival und eben auch dort, wo das Leben Abschied nimmt.

 

Ich ziehe meinen Hut vor den Bewohnern, dem großartigen Team vor Ort und vor einer Geschäftsführung, die das Herz am rechten Fleck hat. Danke für diese Momente, die ich für immer im Herzen tragen werde. 

 

P.S. Als ich gestern ankam, klärte man mich auf, dass die Veranstaltung in Offenburg im Vorfeld zu kontroversen Diskussionen geführt hat. Von " Wie könnt ihr nur sowas" bis hin zu "Endlich und Weltklasse"  Gestern nach 17:30 gab es sicher keinen einzigen Zweifler mehr :-)